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Rundbrief 3

Autor: Linda | Datum: 07 Juli 2017, 11:39 | 1 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

das letzte Viertel meines Auslandsaufenthaltes bricht nun an und der dritte Rundbrief will geschrieben werden. Rundbrief schreiben bedeutet für mich inzwischen in mich zu gehen, meine Gedanken zu sortieren und die Erfahrungen und Erlebnisse der letzten Monate Revue passieren zu lassen. So sitze ich nun bei strömenden Regen – wir haben ja gerade Regenzeit – in meinem gemütlichen Haus, höre Musik und blättere durch mein Tagebuch. Es gibt viele Einträge die mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern aber natürlich auch einige die mich nachdenklich und traurig machen. Immer wieder frage ich mich, was meine Leserinnen und Leser zu Hause wohl interessiert. Vieles Neue vom Beginn meines Abenteuers ist inzwischen Alltag: Pickipicki fahren, auf dem Markt einkaufen, duschen ohne fließend Wasser, Stromausfälle, Klamotten schneidern lassen, Kleiderordnungen und vieles Mehr stellen inzwischen keine Hürden mehr dar. Ich bin angekommen! Nach einer wunderschönen Zeit der „ersten Male“ merke ich, dass nun eine Zeit der „letzten Male“ anbricht. Ich stelle mir immer wieder die Fragen: „Was möchte ich noch mitnehmen?“ und „Habe ich dafür überhaupt noch Zeit?“. JA! Es sind noch drei Monate, doch die letzten neun sind auch einfach an mir vorbeigeflogen.

In meinem ersten beiden Briefen habe ich Euch viel von meinem Alltag und meiner Arbeit berichtet. Ich arbeite immer noch sehr gerne und viel im Tumaini Children Center. Ich hatte nun aber auch Besuch und war ein bisschen Reisen. Ich befinde mich in einem Land das unterschiedlicher nicht sein könnte. Auf meiner Reise bin ich zwischen verschiedenen Welten hin und her gependelt.

Zunächst habe ich einen Freund in einem kleinen Dorf in der Nähe von Geita besucht, der dort im Auftrag der Regierung Wasserpipelines installiert damit die Bewohner nicht mehrere Kilometer laufen müssen um aus einem Brunnen oder dem nahegelegenen Fluss Wasser zu holen. Die Pipelines liefern zwar keine Trinkwasserqualität, aber es ist durch die Speisung aus Bodenquellen durchaus sauberer. Die Dankbarkeit der Bewohner war sichtlich spürbar. Die Gräben für die Pipelines werden von Hand ausgehoben – das ist richtige Knochenarbeit.

Weiter ging es dann nach Mwanza. Dort habe ich schon bei vorherigen Besuchen eine Gruppe kennen gelernt, die mit Sicherheit zur Oberschicht Tansanias gehört. Vom eigenen Auto, Apple Ultrabook und finanzieller Sorglosigkeit träumen nicht nur viele einheimische Tansanias, sondern auch viele Deutsche. Die Diskrepanz zwischen einem Leben mit einer fünfköpfigen Familie in einer Lehmhütte mit Blechdach und einem großen Steinhaus mit Ziegeldach, Vorgarten, Gästezimmer und Pool in dem vier Studenten leben, könnte größer nicht sein. Deutschland ist mehr als nur Hitler – das musste ich die letzten Monate häufig genug erklären – aber Tansania ist umgekehrt definitiv mehr als Safari und Lehmhütten. Das mir als Europäerin zu zeigen war meinen Gastgebern ein großes Anliegen. Mwanza ist die zweitgrößte Stadt Tansanias und hat sehr viel zu bieten: kulinarische Highlights wie Milchshakes, Black Forrest Cakes, arabische und indische Restaurants, ein wunderschöner Seeblick, ein großer Supermarkt und ein recht westliches Nachtleben mit Beachpartys sind nur einige der Highlights meines Aufenthaltes. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich das alles in Bukoba verfügbar bräuchte. Ich komme mit der einheimischen Küche, dem Lifestyle, der Musik und vielen mehr sehr gut zu recht. Aber eine Schwarzwälder Kirschtorte bedeutet für mich als Schwäbin nun mal einfach Heimat.

Von Mwanza ging es dann weiter nach Morogoro. Dort durfte ich die große Sokoine University of Agriculture besichtigen. Studieren verläuft an der Universität recht ähnlich wie in Deutschland. Es gibt einen großen Campus der in verschiedene Fakultäten unterteilt ist. Hellemann – mein Gastgeber – studiert dort Tiermedizin. Sein recht vorgefertigter Stundenplan besteht wie in Deutschland aus kleinen Seminaren, großen Vorlesungen und Praxisanteilen. Er ist frei diese zu besuchen oder sich die Inhalte im Selbststudium zu erarbeiten. Es gibt Vorlesungsskripts und Präsentationsfolien als Hilfestellung zur Erarbeitung der Inhalte. Überall auf dem Campus finden sich kleine Lerngruppen die die Köpfe über Mitschriften, Büchern und Laptops zusammenstecken. Als wir schließlich in die Kantine gehen habe ich endgültig das Gefühl wieder zurück an der UNI zu sein. Ich bin fasziniert von dieser Gemeinsamkeit. Und auch Hellemann ist verblüfft wie ähnlich studieren in Deutschland funktioniert.

Von Morogoro geht es dann für mich weiter nach Dar Es Salaam wo ich meinen Besuch aus Deutschland abhole. Gemeinsam machen wir uns mit mehreren Zwischenstopps auf die Rückreise nach Bukoba. Über Bagamoyo (ein wirklich kleines, gemütliches Städtchen mit vielen historischen Einblicken der Kolonialzeit) geht es über Lutindi in den Usambara Bergen (dort besichtigen wir ein psychiatrisches Krankenhaus – siehe Blog von Hannah Schwab http://hannah-s.vem-freiwillige.de/) weiter auf Safari im Ngorongoro Krater und Tarangire National Park. Auch diese Stationen zeigen mir wieder ganz andere Fassetten Tansanias. In Bagamoyo wird mir die historische Verbindung zwischen Tansania und den europäischen Kolonialherren und Missionaren nochmal richtig deutlich. Die gemeinsame Geschichte hat mir diesen Auslandsaufenthalt ermöglicht – Es ist ein seltsames Gefühl vor den Gräbern zu stehen und sich nur annährend ihr Leben hier vorzustellen. Sie sind damals in ein viel ungewisseres Abenteuer aufgebrochen als ich: ohne Internet, Smartphone, Reiseapotheke, Sprachkurs und sonstigen kleinen Helferlein, die ich so im Gepäck hatte – Ich ziehe auf jeden Fall den Hut!

Über einen kleinen Zwischenstopp in Mwanza geht es dann nach meiner knapp drei wöchigen Reise wieder zurück nach Bukoba – ich bin wieder zu Hause! Schon bei der Ankunft am Busstendi merke ich, das ist Heimat. Ich kenne mich aus! Das ist ein schönes Gefühl.

Es war schön die vielen verschiedenen Fassetten dieses Landes erkunden zu können. Bekannte Gesichter aus Deutschland zu sehen, sich mit anderen auszutauschen und die Gasfreundschaft der Menschen hier zu genießen. Es ist aber auch schön wieder zu Hause zu sein – ZU HAUSE – für mich inzwischen ein weiter Begriff. Wo bin ich zu Hause? Es gib inzwischen viele Orte an denen ich mich heimisch fühle: In Benningen am Necker bin ich groß geworden, in Ludwigsburg bin ich zur Schule gegangen, hatte meine erste eigene Wohnung, dort und habe an der Pädagogischen Hochschule studiert, in Vaihingen an der Enz leben mein Vater und meine Geschwister, in Freiburg habe ich zuletzt zusammen mit Lucas gewohnt und nun bin ich in Bukoba, habe Freunde gefunden und mir ein Leben aufgebaut. In drei Monaten breche ich meine Zelte hier ab und kehre zurück in mein anderes zu Hause.

Bis Bald!

Eure Linda

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Kommentare

  1. 1. sulin  |  19 April 2018, 08:16

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